Google: Ich kenne jeden Schritt von Dir

6. February, 2009 3 Kommentare Autor:

Kommt Ihnen beim lesen der Überschrift etwa Empörung auf? Oder ist es Ihnen eh schon egal wo ihre Aktivitäten Spuren hinterlassen? Aber warum Empörung? Jeder hat es doch selbst in der Hand ob er sich orten lässt und wer diese Daten übermittelt bekommt. Nun gut, falls Sie der Technik vertrauen, werden Sie glauben, dass tatsächlich nur Ihre Freunde erfahren wo Sie sich aufhalten.

Irgendwie ist es eine tolle Sache. Sie sind in einer unbekannten Gegend und suchen das nächstgelegene Cafe. Oder den Lotto-Laden (oh, wie altmodisch im Internetzeitalter?), ein nettes Kino, eine Apotheke,… Egal was Sie suchen, das Handy gibt Auskunft und zeigt Ihnen wie Sie dorthin gelangen. Doch allein macht das nicht so viel Spass wie mit Freunden.

Latitude ist ein neues Feature für Google Maps. Entwickelt auf Wunsch der Nutzer. Es genügt ein Handy um festzustellen ob Freunde in der Nähe sind. Sie sehen auf einer Karte den Standort Ihrer Freunde, Familienangehörigen oder Bekannten. Gehen Sie also gemeinsam zum essen, schwimmen, joggen oder was sie immer gerade vorhaben.

Wo bleibt die Privatsphäre?

Vielleicht sind Sie besorgt, dass Ihr Lebenspartner noch nicht von der Arbeit zurückgekehrt ist. Sie können jeden Schritt verfolgen. Ist Ihr Lebenspartner wirklich auf der Arbeitsstelle oder etwa in einem Restaurant hängen geblieben? Vielleicht in der Wohnung beim besten Freund oder Freundin (derzeit gerade Single)? Oder gar im Sperrbezirk, statt auf der angeblichen Firmenkonferenz?
Es gibt sicherlich noch sehr viele andere Situationen in denen man nicht unbedingt auf dem Monitor anderer Personen sein möchte. Kein Problem, ist doch alles freiwillig? In vielen Partnerschaften wird der Druck wachsen, mit eingeschalteter Ortung unterwegs zu sein. Das Szenario der Begründung könnte so lauten: “Nein, kein Misstrauen mein Schatz. Ich bin nur sehr in Sorge um Dich ;-)”.

Snapshot Google Latitude

Snapshot Google Latitude

Sie sehen laut Google nicht nur die Standorte der Ihnen vertrauenden Personen sondern auch deren Tätigkeit. Upps, wollen Sie das wirklich immer wissen? Und dann schnell noch eine SMS oder E-Mail als Kommentar senden oder chatten?

Arbeitgeber möchten die Ortung vielleicht bald zur Pflicht machen, denn schliesslich trägt der Arbeitgeber während der Arbeitszeit Verantwortung für seine Mitarbeiter.

Sicherlich gibt es Situationen für die eingeschaltete Ortung lebensrettend sein könnte. Etwa nach Naturkatastrophen wie Erdbeben, Schneelawinen, Erdrutsche u.ä. Dann aber nur wenn das GPS-Signal eingeschaltet ist. Dann ist die Ortung auf wenige Meter Genauigkeit möglich. Die WiFi-Genauigkeit liegt bei etwa 200m. Falls WiFi nicht zur Verfügung steht, nutzt Google eine Datenbank mit Standorten von Funkmasten. Je dichter Funkmasten beieinander stehen und in der Datenbank von Google erfasst wurden, je genauer wird die Standortbestimmung.
Einen Hinweis sollten Sie beachten. Wenn GPS für die Ortung eingeschaltet ist werden die Akkus deutlich schneller leer.

Latitude ist derzeit in 27 Ländern und 42 Sprachen verfügbar. Nutzbar auf mobilen Endgeräten wie Blackberry, Symbian S60 und Geräte mit Windows Mobile. Latitude wird für das Google Betriebssystem Android in den nächsten Tagen verfügbar sein. Sehr bald soll Latitude, per Google Mobile App, auf das iPhone kommen.

Risiken und Nebenwirkungen

Google meint:

Alles ist unter Ihrer Kontrolle und natürlich können Sie sich jederzeit von Latitude abmelden

Falls aber Personen unbemerkt Google Latitude aktivieren, wandeln Sie als verfolgbares Ziel durch die Gegend. Es genügt, das Handy ein paar Minuten unbeobachtet zu lassen. Toller Stoff, nicht nur für Krimis. Oder das Handy wird verborgt oder verschenkt. Privacy International sieht folgende Szenarien:

  • Ein Arbeitgeber rüstet seine Beschäftigten mit Mobilphonen aus, bei denen Google Latitude aktiviert ist, informiert aber nicht darüber
  • Eltern spendieren ihrem Kind ein Mobiltelefon ohne über die aktivierte Ortungsmöglichkeit zu informieren
  • Ein Partner, Freund oder andere Person erhält Zugriff auf das unbeaufsichtigte mobile Telefon und aktiviert Latitude
  • Ein aktiviertes Handy wird verschenkt (man denkt hier an Stalker)
  • Ein Telefon muss zur Reparatur oder wird von Sicherheitspersonal gecheckt und heimlich aktiviert

Nach der Aktivierung kann die Gegenseite sich selbst unsichtbar schalten. Laut Google wird in regelmässigen Abständen an die Nutzer aktivierter Mobiltelefone eine Nachricht gesendet. Allerdings funktioniert dies nicht bei allen Mobiltelefonen. Ausserdem erscheinen diese Meldungen nur in limitierter Anzahl.

Der Chef von Privacy International, Simon Davies sagt:

Mit dem jetzigen Stand ist Latitude ein Geschenk für Stalker, spitzelnde Arbeitgeber, eifersüchtige Partner und besessene Freunde. Die Gefahren für die Privatsphäre und Sicherheit der Nutzer sind so grenzenlos wie die Phantasie derjenigen welche diese Technologie missbrauchen.

Nun sagen Sie bloss nicht, Se gehören zu den wenigen renitenten Handyverweigerern und könnten eh Latitude nicht aktivieren. Diese Ausrede hat Google vorausgeahnt und ein Latitude iGoogle Gadget für Laptop und PC entwickelt.
Laut Google Blog können Nutzer von Google Chrome automatisch ihren Standort mitteilen. Andere Browser dann, wenn Google Gears installiert ist. Wenn alles nicht greift dann lässt sich der Standort immer noch manuell setzen.

Alles was zum Schutz der Privatsphäre zu sagen ist, hat Google auf einer Website zusammengefasst: Privacy Features
U.a. heisst es:

Google Latitude überlässt Ihnen bei der Freigabe Ihres Standorts die vollständige Kontrolle über Ihre Privatsphäre. Bevor eine Person Ihren Standort sehen kann, müssen Sie dieser Person entweder eine Standortanfrage senden, indem Sie sie als Freund hinzufügen, oder deren Standortanfrage zustimmen sowie wählen, dass Sie Ihren Standort für diese Person ebenfalls freigeben möchten. Sie können sich jederzeit über das Datenschutzmenü abmelden und Google Latitude deaktivieren, um die Freigabe Ihres Standorts für Freunde zu stoppen.

Ein Google Video gibt es ebenfalls zur Privatshäre:

Abgesehen von den Befürchtungen zur Privatsphäre kann Google Latitude ein spannendes Tool für die soziale Kommunikation sein.

Die Idee und technische Umsetzung von Latitude ist nicht neu. In Berlin entwickelte vor einigen Jahren eine Firma mit pfiffigen Köpfen, so ziemlich genau diese Technologie damals bereits produktreif. Siehe Beitrag:
Freunde finden mit Peoplefinder

Nokia basiert sein Angebot Plazes auf der offenen Yahoo! Plattform Fire Eagle, einer Technologie zum Finden von Freunden. Siehe Beitrag: Yahoo! Feueradler

Websites:
Google Mobile

Privacy International:
Privacy international identifies major security flaw in Google’s global phone tracking system

Die URL für mobile Nutzer: http://google.com/latitude

Auch interessant:


Tags: Kategorie: Google, Privatsphäre

3 Kommentare to “Google: Ich kenne jeden Schritt von Dir”

  1. Olli says:

    Da werd ich doch gleich mal Google Gears deinstallieren.
    Mit Spaß in die Überwachungsgesellschaft!

  2. Peter says:

    So langsam wird mir der Gedanke an Google immer unangenehmer. Immerhin benutze ich statt Google Scroogle. Da laufen deren Cookies dann über einen Proxy.

  3. Mario Fischer says:

    Ob die Kirche wohl jemals wieder im Dorf bleibt, wenn Google was macht?
    Handyortung gibt es schon. Neugierige Lebenspartner könnten also schon länger “Ich bin in Sorge” als Grund vorgeben.

    Der Arbeitgeber könnte… Klar. Wenn es nicht illegal wäre, ginge das.

    Welche Argumente ziehen wir denn noch unter der Schublade vor? Ein IKEA-Regal verbieten, weil man das ja vom Balkon auf einen Passanten werfen könnte? Eine potentielle Mordwaffe also – und es findet sich sicher noch jemand, das das bejaht, weil man damit die Mordabsicht so gut verschleiern könnte. Oops, Versehen. Nutzt man eine Smith&Wesson geht diese Ausrede nicht so leicht 😉

    Ich komme wieder auf die Kirche und das Dorf zurück: Google bietet diesen Dienst für diejenigen an, die es aktiv freiwillig nutzen wollen und das für einzelne Benutzer/Freunde auch explizit freigeben. Und solche Dienste gibt es von anderen Anbietern ja bereits. Jetzt auch noch verkorkste Lebenspartnerschaften (die sich gegenseitig überwachen müssen – auch heimlich) als Argument heranzuziehen halte ich schon etwas an den Haaren herbeigezogen.

    Was passiert? Panikmache an falscher Stelle. Die meisten Leser bekommen nur “Google Überwachung” mit und bekommen immer mehr Angst (siehe Vorkommentare). Solange die selber nicht aktiv werden, passiert aber gar nichts! Wer Angst hat, dass ihn sein Arbeitgeber oder der Lebenspartner überwacht, sollte sich eh öfter mal umdrehen, wer da hinter ihm herläuft. Und das Auto auf GPS-Sender kontrollieren. Und das Telefon auf Wanzen. Und den Mobilfunkanbieter auf Protokollierung der Rufnummern… Und und und.

    Google ist halt immer ein dankbares Opfer… Also immer feste druff…