Wissenschaftlicher Suchmaschinen-Workshop in Berlin

Organisiert und geleitet von Prof. Dr. Marcel Machill, fand, in den Räumen der Berliner Friedrich-Ebert-Stiftung, ein wissenschaftlicher Workshop zum Thema “Die wachsende Macht der Suchmaschinen im Internet” statt. Wissenschaftler aus der Schweiz, Norwegen, Spanien, USA und Deutschland stellten neueste Forschungsergebnisse vor und diskutierten miteinander.

Interessant und spannend waren einige der Vorträge. Interessant und erfreulich war aber auch die Begegnung mit Blogger Philipp Lenssen, der sich in seinem Weblog Google Blogoscooped zu “80%” mit Google beschäftigt. Die restlichen 20% behält er sich für persönliche Meinungsäusserungen und Interessen vor. Sein Blog ist absolut lesenswert, Philipp ist ein toller Typ. Wir verbrachten den Abend nach dem Workshop gemeinsam und trennten uns erst nach Mitternacht. Sämtliche Berichterstattungen verschoben sich aus diesem besonderen Anlass 😉

Nachfolgend werden nur einige Workshop-Vorträge angeschnitten.

Die Vorträge deckten vier Themenbereiche ab:

1. Medienpolitik und Medienrecht
2. Medien und Journalismus
3. Technischer Status Quo und zukünftige Entwicklung
4. Nutzer Verhalten und Medienkompetenz

workshop

Zum 1. Punkt gab es von Dr. Wolfgang Schulz und Thorsten Held ( Hans-Bredow-Institut Hamburg) interessante Ausführungen:
Der Index auf dem Index? Selbstzensur und Zensur bei Suchmaschinen. Oder: Was unterscheidet Deutschland von
China?
In Deutschland arbeiten Suchmaschinen nach dem Code of Conduct. Inhalte werden auf Basis einer freiwilligen Selbstverpflichtung aus dem Index entfernt. Ob dies überhaupt notwendig ist, erklärtParagraf 5 (Absatz 1) des deutschen Grundgesetzes, der sich explizit gegen Zensur als Form eines Eingriffs in die Kommunikationsgrundrechte wendet. Demnach gibt es keine Gründe für eine staatliche Zensur, da diese nur bei hinreichenden Anzeichen für eine konkrete Rechtsgefährdung statthaft ist.
Es wurde untersucht, wie Suchmaschinen im Gefüge der Kommunikationsgrundrechte zu schützen sind.
Die Vortragenden erklären, dass Suchmaschinen im Sinne der Medienpolitik der verfassungsrechtlich geschützten Rundfunkfreiheit gleichzusetzen sind. Suchmaschinen bieten über den Weg der elektronischen Übertragung Leistungen die für die Allgemeinheit bestimmt sind. Diese könnten als Darbietung für die Meinungsbildung geeignet sein.

Boris Rotenberg (Institute for Prospective Technological Studies, DG Joint Research Centre, European
Commission, Sevilla, Spain / Yale University, Yale Law School, New Haven, CT, USA) erläutert, die Manipulation von Suchmaschinen findet auf Seiten der Suchmaschinen und Websites statt. Suchmaschinen manipulieren Ergebnisse unter anderem durch Personalisierung und Lokalisierung. Im Endeffekt werden zwei Nutzer für die gleiche Anfrage unterschiedliche Ergebnisse bekommen. Das Konzept einer einheitlich gerankten Ergebnisliste könnte bald der Vergangenheit angehören. Um die Personalisierung zu ermöglichen, müssen Suchmaschinen viele persönliche Nutzerdaten sammeln und speichern. Die Personalisierung sorgt für weniger irrelevante Treffer und mehr Vielfalt der Ergebnisse. Personalisierung bringt Nutzern und Suchmaschinen Vorteile.
Die Daten der Personalisierung jedoch werden automatisch zu einer Zensur der Ergebnisse führen. Die Ergebnisse werden dem Verhalten des Nutzer angepasst und entsprechend eingeschränkte Ergebnisse ausgegeben. Die Daten des Nutzer zensieren ihn also automatisch, er bekommt nur Zugriff auf einen (von ihm) bestimmten Teil des World Wide Web.
Es sollten Werkzeuge für die Nutzer geschaffen werden, um im gewissen Mass für die Unabhängigheit und Kontrolle ihrer Daten sorgen zu können. Dazu gehört das Recht, eigene Daten löschen zu können, keine Cookies von Suchmaschinen speichern zu müssen oder die eigenen Suchdaten zu managen.

Lic. phil Guido Keel und Prof. Dr. Vinzenz Wyss (Zurich University of Applied Sciences Winterthur, Institute of Applied Media Studies, Winterthur, Switzerland) behaupten, die “Googelisierung des Journalismus ” existiert zwar, hat aber nicht den bestimmenden Charakter und ergänzen lediglich die Arbeit der Journalisten. Die beiden schreiben:
Das Internet wird … gezielter für bestimmte Arbeitsschritte eingesetzt und hat sich so als Ergänzung zu bisherigen Arbeitsmitteln und -techniken etabliert. Medienschaffende nutzen das Internet vor allem für die Beschaffung von Zusatzinformationen zu einem Thema, oder um sich überhaupt erst ein Bild von einem Thema machen zu können. Hingegen
spielt das Internet als Ideengeber für neue Geschichten eher eine sekundäre Rolle.

Sie stellen jedoch eine eindeutig Dominanz der Suchmaschine Google fest. 97% der während einer Studie befragten schweizer Journalisten arbeiten hauptsächlich mit Google.

Prof. Susan Keith, Ph.D. (Rutgers, the State University of New Jersey, Department of Journalism and Media Studies, New Brunswick, NJ, USA) erklärte das anhaltende Verfahren der Presseagentur AFP (Agence France Presse) gegen Google. Nach den Vorwürfen von AFP hatte Google alle Text- und Bildbeiträge von AFP aus den Google-News entfernt. Dennoch möchte AFP Schadenersatz in Höhe von mindestens 17,5 Millionen US-Dollar. AFP argumentiert unter anderem, dass Schlagzeilen Kreative, schützenwerte Ausdrücke sind.

Dr. Dirk Lewandowski (Heinrich-Heine-University Düsseldorf, Department of information science, Düsseldorf, Germany)
beschäftigte sich mit der Frage: Mit welchen Kennzahlen lässt sich die Qualität von Suchmaschinen messen?
Er erklärte, dass bisherige Bewertungskriterien unzureichend sind und dringend umfassendere Kriterien aufgestellt werden müssen.

Benjamin Edelman (Harvard University, Department of Economics, Cambridge, MA, USA) stellte die Ergebnisse seiner Untersuchung dar, welche das Gefährdungspotential von Suchmaschinen konkret darstellt. Spyware und andere unerwünschte Software kann auf den Rechnern der Nutzern landen, wenn sie z.B. nach “Screensavern” suchen. Allerdings scheint es unmöglich, bestimmte Begriffe aus- oder einzuschliessen. Es wurde eine höhere Gefährdung über bezahlte Links ermittelt, als die Gefährdung über Links der organischen Ergebnisliste. Konkrete Zahlen und Ergebnisse sind bei McAffee SiteAdvisor zu lesen.
Siehe auch: Nutzung von Suchmaschinen ist riskant – Sagt McAfee


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