Der Webbrowser Google Chrome will gläserne Nutzer

6. September, 2008 Comments Off on Der Webbrowser Google Chrome will gläserne Nutzer Autor:

Bevor Sie weiterlesen entkleiden Sie ich bitte vollständig. Dabei stellen Sie sich vor, in jedem Raum ihrer Wohnung, ihrer Arbeitsstätte, des Internetcafes oder wo immer sie sich aufhalten, sind immer aktivierte Kameras installiert die jeden Winkel einfangen und keine Ihrer Bewegungen unbeobachtet lassen. Klingt ziemlich nach Big Brother?


Im Moment ist diese Szenario auch noch etwas drastisch, eine starke Übertreibung. Übertreibungen sind gut geeignet um Aufmerksamkeit zu bilden. Allerdings ist das Beispiel nicht weit hergeholt.

Mitarbeiter von Google haben bereits konkrete Pläne entworfen, wie man im über TV-Kanäle zielgerichteter, personenbezogene Werbung einblenden könnte. Dazu ist es erforderlich eine Tonanalyse im den Raum durchzuführen wo das Fernsehgerät steht. 2006 wurde dieser Ansatz auf der Messe zum interaktiven Fernsehen ITV vorgestellt. Ein Papier der israelischen Universität Jerusalem stellt das Konzept in einer PDF-Datei mit dem Titel Social- and Interactive-Television Applications Based on Real-Time Ambient-Audio Identification
vor. Autoren: Michele Covell und Shumeet Baluja, Google Research Inc. sowie Michael Fink, Center for Neural Computation, Hebrew University of Jerusalem.

Die Untersuchung fand mit einem Notebook-Mikrofon statt, das in 10 m vom TV platziert war.
Sämtliche im Raum hörbare Geräusche werden komplett über das Internet geleitet und per Suchmaschinentechnologie verarbeitet. Natürlich nur zum Vorteil der Zuschauer. Falls diese wissen wollen welche Markenkleidung ein Schauspieler trägt wird das eingeblendet, einschliesslich Kaufmöglichkeit.

Der nächste “logische” Schritt in dieser Richtung ist doch wohl, dass auch die Gestik und Mimik der Nutzer protokolliert wird, um daran gemessen noch akzeptablere Werbung an das Publikum zu bringen?

Doch bis dahin wird noch einige Zeit vergehen. Die Nutzer werden schrittweise und möglichst unauffällig in das die tolle Werbezukunft geführt, die bereits begonnen hat. Als Preis wird “lediglich” die völlige Entblössung der Nutzer verlangt. Nicht unbedingt wie im Einleitungssatz angeregt, die körperliche Entblössung, diese ist nur anschaulicher darstellbar. Viel wichtiger ist die geistige Entblössung. Ihre Hoffnungen, Träume, Problem, Ängste, Krankheiten und persönliche Krisen, ebenso wie Ihre tollsten Erlebnisse, möglichst auch Ihre Träume und Zukunftsvisionen. Nicht soll unentdeckt bleiben. Seine Gedanken zu übermitteln tut nicht weh und man muss nicht mehr tun, als einfach das am Computer tun, was man tun möchte.

Sie sind überzeugt ich übertreibe absichtlich? Ist doch alles nicht so schlimm? Was soll nur das Geschreie?

Viele Nutzer nehmen des Unternehmensziel von Google nach wie vor nicht ernst oder kennen es nicht so genau:
“Das Ziel von Google besteht darin, die Informationen der Welt zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen.”

Bitten Lesen Sie den Satz mindestens noch zweimal und denken bitte wirklich über diese Aussage nach.

Der erste Teil des Zieles wird gewiss eher verwirklicht als der zweite Teil. Google scannt z.B. sehr viele Bücher für das Projekt Google Buchsuche, veröffentlicht aber wegen der Urheberrechtsbedingungen längst nicht alles, was mit Hilfe dieses Programmes in die Rechner von Google gelangt. Auf den Rechner von Google liegen unzählige E-Mails mit teilweise sicherlich wichtigen oder auch brisanten Inhalten. Will Google tatsächlich diese Informationen allgemein nutzbar und zugänglich machen? Was ist mit der wachsenden Zahl Informationen aus Unternehmen, die auf Google-Server gelangen? Vertrauliche Akten, Präsentationen, Firmenberichte, Marktanalysen,… “allgemein nutzbar und zugänglich machen”?
Google zieht in seinem Unternehmensziel keine Grenzen.

Google Chef Eric Schmidt brachte es so auf den Punkt. Google will Nutzern Antworten auf Fragen geben wie: “Welchen Beruf soll ich erlernen?”. “Was sollte ich morgen an meinem freien Tag tun?”

Dieses Ziel erreicht Google nur schrittweise. Unter anderem mit immer mehr nützlichen Anwendungen. Unter anderem Google Analytics, Google AdSense, Google Toolbar (bei aktivierter PageRank-Anzeige) Personalisierte Startseite sowie die Geschichte (History) aller jemals getätigten Suchanfragen. Nicht zu vergessen die über das hinzugekaufte Werbeunternemen Doubleclick erhaltene, gewaltige Datenmenge welche gut zur Auswertung des Nutzerverhaltens ausserhalb Googles bisherigen Einfluissbereiches verwendet werden kann. Doubleclick soll rund 80% aller Webseiten erreichen.

Theoretisch könnte Google noch sehr viel Informationen aus der Nutzung anderer Anwendungen wie Google Earth, Google Text & Tabellen, Kalender, Google Mail, Google Reader, Google Talk, Google Fotos, Google Groups erfassen und zusammenführen. Doch das wäre eine rein spekulative, nicht beweisbare Annahme, reine Unterstellung.


Konkret, beweisbar und von Google bestätigt ist der unermüdliche Datenhunger des neuen Webbrowser Google Chrome

Alles was die Nutzer in die kombinierte Adress- und Suchleiste des nagelneuen Browser eintippen landet in den Speicherfabriken des Google-Konzerns. Passwörter, alle eingetippten URL, überhaupt alles was in diese praktische Omnibox eingeben wird, landet bei Google. Jeder Tastenanschlag wird registriert. Ja Sie lesen richtig. Selbst Tastenanschläge die nicht mit der Enter-Taste zur Übermittlung an Google freigegeben wurden landen bei Google.

Sie werden als Nutzer nicht gefragt, ob die Übertragung der Daten in Ihrem Sinne ist. Google setzt das einfach voraus. Das ist ebend notwendig, damit die automatische Vervollständigung von Internetadressen funktioniert.

Es gibt mehrere Wege, die Übertragung dieser Daten auszuschliessen und dennoch Google Chrome zu nutzen.

1. Sie verweigern Ihre Zustimmung zur Übertragung der Daten.
Zu dieser Einstellung gelangen Sie über
Google Chrome anpassen – Google Chrome Optionen – Standardsuche – Verwalten
gelangen Sie zur Auswahlliste der Suchmaschinen. Darunter ist vor dem Text:
“Automatische Vorschäge zur Vervollständigung der in die Adressleiste eingegebenen Suchanfragen und URL”

2. Sie wählen eine andere Suchmaschine statt Google als Standardsuchmaschine in Google Chrome.

3. Inkongnito Fenster aufrufen
Dorthin gelangen Sie über:
Aktuelle Seite bearbeiten – Neues Inkognito Fenster
In diesem Modus greift die Suggestion-Funktion auf Daten zurück die auf dem Rechner des Nutzers gespeichert sind.

Gegenüber CNet bestätigte Google die Übertragung der Daten und erklärt, etwa 2% der per Google Chrome übermittelten Daten sollen gespeichert werden, gemeinsam mit der IP-Adresse des Computers, der die Daten übermittelt.

Selbst wenn es Nutzern gelingt per Anonymisierungsdienst wie JAP die übermittelte IP Adresse zu ändern, wird die eindeutige Browser-ID dafür sorgen, dass die Daten korrekt einem Browser und seinem Nutzer zugeordnet werden können. Eine Anleitung zur Entfernung der Browser-ID liefert Golem: Google Chrome: Eindeutige Nummer des Browsers abschalten.

Da der Chrome Browser der Open Source Lizenz unterliegt, ist nicht zu befürchten, dass “unter der Haube” weitere Angriffe auf die Privatsphäre liegen. Das würde schnell entdeckt. Zu hoffen bleibt, dass zukünftig die Übermittlung der Daten aus der Omnibox nur auf ausdrücklichen Wunsch der Nutzer geschieht.

Google Mitarbeiter Matt Cutts gibt übrigens in seinem Weblog eine Gegendarstellung zu konspirativen Theorien:
Preventing Paranoia: When does Google Chrome talk to Google.com?

Nein paranoid müssen wir nicht werden. Es spricht jedoch nichts dagegen uns eine realistische Sichtweise auf die Nutzung unserer Daten im Internet zuzulegen. Google ist berechtigterweise immer das Paradepferd, weil immer mehr Daten von immer mehr Google-Diensten auf die Rechner der Google-Datenfabriken wandern und Google nicht nur mit seinem neuen Browser konkreten Anlass gibt, über die Nutzung der übermittelten Daten nachzudenken. Dennoch sollten wir darüber nicht alle anderen Dienste vergessen, die im kleinen und grossen Stil Daten sammeln und intensiv auswerten. Jede Webseite ist ein potentieller Datensauger. Vorrangig dort, wo es gilt etwas zu verkaufen.

Nachtrag: Das Bundesamt für Sicherheit im Internet (BSI) warnt vor der Nutzung von Google Chrome

Siehe auch:
Berliner Zeitung: Google Chrome mit Kratzern Sicherheitslücken und Datenklau: Der neue Internet-Browser alarmiert Behörde und Experten

Heise: Chrome ruft Google

CNet: EFF: We’re concerned about Google’s Omnibox

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